Singen, 17. August 2008
Liebe Schwestern und Brüder,
ich weiß, es sind Ferien, aber mich lässt ein Gedanke zu dem heutigen Evangelium nicht mehr los: Jesus hat gelernt! Uns begegnet ein Jesus, der von anderen Menschen etwas lernen muss. Wir alle wissen, dass das Lernen zum Leben dazugehört. Wir machen im Beruflichen wie im Privaten immer wieder die Erfahrung, dass wir nicht an einem Punkt stehen bleiben können. Nein, wir lernen immer wieder dazu. So wie Jesus. Für Christen, die bekehrte Juden waren, war es nicht von Anfang klar, wie weit auch die Heiden in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden konnten. Dass eine kanaanäische Frau Jesus um Hilfe bittet, ist ganz und gar nicht selbstverständlich, denn mit einem Menschen aus Kanaan wollten die Juden nichts zu tun haben, schließlich glaubten sie nicht an den einen Gott, sondern an viele heidnische Götter.
Jesus muss dazu lernen. Wenn wir einmal genauer hinschauen, dann empfinde ich es schon fast als „zickenhaft“, wie Jesus sich dieser Frau verweigert: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel, also zu den Juden, zu meinem eigenen Volk gesandt.“ Oder: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ Mit den Hunden, liebe Schwestern und Brüder, sind ganz eindeutig die Heiden gemeint, es war ein gängiger Begriff für jene, die nicht dazugehörten. Das alles ist schon starker Tobak.
Wem gilt die Frohe Botschaft? Diese Frage stellt dieses Evangelium. Was auffällt: Jesus kommt von sich aus nicht darauf, dass auch dieser Frau zu helfen sei. Es sind seine Jünger und die Frau selbst, die Jesus zeigen, wo es lang geht. Die Jünger bitten Jesus um Hilfe, weil ihnen die Frau lästig wird, denn sie schreit die ganze Zeit hinter ihnen her. Die Frau wird Jesus lästig, weil sie davon überzeugt ist, dass er ihrer Tochter helfen kann. Liebe Schwestern und Brüder, ich glaube, Jesus hat gelernt, dass er über seinen Schatten springen muss und sich selbst in Frage stellen lassen muss. Wie sehr können auch wir für unser eigenes Leben, gerade auch für unser Miteinander als Gemeinde, lernen, wie wichtig es sein kann, einmal über seinen Schatten zu springen.
Das fällt nicht leicht. Ich kenne das von mir selber: Es ist einfacher, auf meinem Standpunkt zu beharren, weil ich da weiß, wo ich dran bin. Offen zu bleiben für Neues, vor allem auch für neue Menschen, vor allem, wenn sie so ganz anders sind als ich oder wenn sie uns lästig werden, das kann schon schwer fallen. Machen wir uns nichts vor: auch und gerade in Kirche und Gemeinde stellt sich die Frage, wem denn die frohe Botschaft nun gelte, in ganz subtiler Form. Da lautet die Frage dann allerdings eher: Wer spricht wie mit wem, wem gilt die Zuneigung des Pfarrers und wer engagiert sich wo und wie sehr. Liebe Schwestern und Brüder, solche Fragen machen krank und sie tun dort, wo Menschen miteinander leben nicht gut.
Wäre Jesus damals nicht über seinen Schatten gesprungen und hätte sich dafür geöffnet, dass jemand, mit dem man lieber nichts zu tun haben möchte, seine Hilfe braucht, dann wäre die Tochter der kanaanäischen Frau sicher im wahrsten Sinne des Wortes verkümmert und eingegangen. Es ist schon interessant: Über die Tochter wird nur geredet, aber sie taucht im Evangelium eigentlich gar nicht auf. Liebe Schwestern und Brüder, aber es wird über sie geredet, sie wird zum Mittel einer Debatte, die auf den Tisch muss: „Wem gilt die Frohe Botschaft?“ An dieser Frau entfacht sich ein Prozess, der für alle Beteiligten zu einem heilsamen Ende führt: Nachdem Jesus über seinen Schatten gesprungen ist, war die Tochter von dieser Stunde an geheilt. Wir lernen: Auseinandersetzungen und Konflikte gehören zum Leben dazu, und sie sind heilsam. Wer gut miteinander auskommen will, der muss sich auch streiten können.
Wir können und dürfen immer wieder über unseren eigenen Schatten springen, weil es Jesus es auch getan hat und es musste. Es ist schon tröstlich, wenn es heißt, er war uns Menschen gleich, außer der Sünde. Ich glaube, Lernen ist keine Sünde. Auch darin wurde uns Jesus gleich, dass er, den wir als den Sohn Gottes verehren, mit uns gelernt hat. Lernen ist manchmal mit Leiden verbunden, über seinen Schatten zu springen, das kann manchmal auch schmerhaft sein. Lernen und Leiden stehen gerade auch im Leben Jesu in enger Beziehung. Am Kreuz lernt er den Tod kennen – und er lernt in dieser Situation Gott auf eine ganz neue Weise kennen.
Liebe Schwestern und Brüder, jeder Lernschritt ist ein Leidensschritt. Das gilt für Jesus, das gilt für uns alle. Es gehört zu den Grunderfahrungen des Menschen. Im Lernen geben wir bisherige Positionen auf, gehen einen Schritt weiter, verlassen Vertrautes, können auf Menschen, die ganz anders sind, neu zugehen. Jeder Lernschritt ist schließlich auch ein kleines Sterben. Aber das, was wir zurücklassen, ist nicht tot, sondern es hat sich verwandelt, damit wir leben können. So wie Jesus gestorben ist, damit wir leben können. Wenn wir jetzt gleich das Brot miteinander teilen werden, dürfen wir erfahren: Es ist genug für alle da, und keiner geht dabei vor die Hunde. Amen.